Der Schwingdeckeleimer, die Katze und ich

Katze Schwarz fühlt sich gut unterhalten, das ist offensichtlich. Mit großen runden Augen verfolgt sie konzentriert, wie Katze Weiß sich abmüht. Die schiebt eifrig schleckend ein Schälchen Katzenfutter durch die Küche. Schlurf, schleck, schlurf, schleck – nichts kann sie in ihrem Treiben stören, nicht einmal der Fuß der Menschenfrau, an dem das leere und mittlerweile buchstäblich blank geschleckte Aluteil einen ungeplanten Halt einlegt. Zufrieden setzt sich Katze Weiß, blinzelt zweimal dem Stirnrunzeln der Menschenfrau entgegegen, und macht sich wieder auf, das nächste Schälchen sauber zu putzen. Fleissiges Katzentier. Katze Schwarz stubst derweil interessiert an der verlassenen Futterschale herum. Ein Blick zur Tonne in der Ecke verrät die Quelle des mitternächtlichen Snack: der Deckel hängt schief und der Inhalt – Verpackungsmüll – ist geplündert. Es ist offensichtlich und lässt sich wirklich nicht länger leugnen: Katze Weiß hat ihre kriminelle Energie von Schubladen auf Mülleimer verlagert. Jetzt, zu nächtlicher Stunde vom Schlurfschlecken der Katze aus den Träumen gerissen, erscheinen der Menschenfrau vollgehaarte Socken und an unerwartet offenstehenden Schubladen angestoßene Zehen unglaublich reizvoll. Katze Schwarz hingegen bevorzugt die Mülleimerplünderungen. Noch immer verfolgt sie das weiße Katzenwuseln fasziniert. Die Schwanzspitze zuckt. Mit einem kraftvollen Sprung setzt sie Katze Weiß nach, beißt ihr ins Ohr und verschwindet im Dunkeln, verfolgt von der empörten Katze Weiß.
Die Menschenfrau sammelt die Futterschälchen ein, richtet den Deckel und verflucht den Erfinder des Schwingdeckeleimers. Der hatte ganz sicher keine Katze.

Angespannte Zeiten

Zwischen Katze Weiß und der Menschenfrau gibt es immer wieder Phasen der Angespanntheit.
Beide sind stur.
Beide beharren auf ihrer Sicht der Dinge.
Beide sind nicht bereit, ihren Standpunkt auch nur ansatzweise zu überdenken.

Zu den aus Katzensicht zu vernachlässigen Ansichten der Menschenfrau gehören Dinge wie:
Ein Tisch ist kein Schlafplatz.
Tea for Two schließt keine Katze ein
Kekse sind kein geeignetes Nahrungsmittel für Katzen.
Auf einem Rundsofa sollte ausreichend Platz für zwei Katzen und mindestens einen Menschen sein.
Sowohl CDs als auch Bücher stehen bereits in perfekter Sortierung und diese braucht definitiv keine Überarbeitung von kätzischer Pfote. 
Nektarinen sind kein geeignetes Nahrungsmittel für Katzen.
Stricknadeln sind kein Katzenspielzeug, besonders dann nicht, wenn 1/4 Socke dranhängt. Gleiches gilt für munter umherhüpfende Wollknäul.
Kopfkissen gibt es nur für menschliche Köpfe und nicht für Katzenpopos, egal wie neu und fluffig sie sind ( … die Kissen!!!)
Blumenkohl wird nicht beschmust, egal, wie frisch er ist.
Der (aufgeklappte und in Gebrauch befindliche) Laptop ist kein Schlafplatz.
Gleiches gilt für Rhababar, Obstschalen und Sockenschubladen.
Katzenpfoten dürfen weder auf dem Laptop noch auf den iPad laufende Programme/Apps beenden und neue starten!
Karotten sind kein geeignetes Nahrungsmittel für Katzen.
 
Dann und wann gelingt ein gewissen Arrangement, aber im Grunde läuft es immer auf eines hinaus: welcher Sturkopf ist der hartnäckigere. Das ist … anstrengend. Aber die Alternative (sie machen lassen was sie will) gefällt weder der Menschenfamilie noch der Katze Schwarz. An manchen Tagen kommen der Menschenfrau die Zeiten mit Kleinkind in den Sinn, nur dass damals eine berechtigte Ausssicht auf Besserung bestand. Bei Katze Weiß darf gezweifelt werden.
Angespannte Grüße.

Genießer unter sich

Katze Weiß ist nicht nur eine Diva, sondern auch eine wahre Kennerin des Guten Lebens. Mit untrüglichem Stilempfinden liegt sie malerisch mitten im Weg, auf dem Tisch oder auch mal im Schuhregal. Zeig ihr eine Wohnung, und sie zeigt dir den besten Platz zum Faulenzen Entspannen. 
Katze Schwarz musste das erst mühsam lernen, doch sie ist ist ein gelehriges Katzentier und Katze Weiß eine wahre Meisterin des echten „Wohnungskatzen-Way-of-Life“. In ihren fünf gemeinsamen Jahren konnte Katze Schwarz nach und nach mehrere neue Perspektiven des wohligen Dösens kennen und schätzen lernen: auf dem Bett, auf Sesseln, in der Sonne, auf menschlichen Beinen … 
Den absoluten Höhepunkt konnte Katze Weiß ihr jedoch erst nach einigen Jahren nahe bringen: das Dösen unter der Wolldecke. Jahrelang schlief Katze Weiß ab einer gewissen Außenkälte grundsätzlich unter der Wolldecke auf dem Sofa (was natürlich den Zweck der Decke – das Sofa vor Katzenhaaren zu schützen – irgendwie ad absurdum führte, aber egal), während Katze Schwarz neben ihr auf der Decke schlummerte. Bis sie sich irgendwann traute, Katze  Weiß hinterherzuschlüpfen. Seitdem kann man keine Wolldecke mehr auf dem Sofa ausbreiten, ohne dass Katze Schwarz versucht, drunter zu kommen. Die Decke selbst ist ihr dabei immer etwas unheimlich, man muss sie ihr ein wenig hochhalten, sonst traut sie sich nicht so richtig. Mittlerweile fordert sie ihr Recht auf einen Platz unter der Decke keck und selbstbewusst ein; reagiert die Menschenfrau auf zartes Gekralle an der Decke nicht in angemessener Geschwindigkeit wird schon mal ungehalten gemaunzt. 
Katze Weiß stört es nicht, die Decke zu teilen. Sie findet immer genügend Platz. Katze Schwarz hingegen teilt schon mal das menschliche Schicksal und findet sich urplötzlich der Decke beraubt und an den Sofarand gedrängt wieder. 
Willkommen im Club, denkt sich die Menschenfrau nicht ohne eine kleine Spur von Schadefreude, und rettet das schwarze Tier vor dem Absturz.
Genießen kann sie jetzt, „Diva sein“ hingegen muss Katze Schwarz noch lernen.

Wahre Liebe

Da dachte die Menschenfrau tatsächlich, Katze Weiß hätte ihre innige Liebe zu ihr entdeckt, weil sie voller schnurrender Hingabe Stunden an ihrer Seite auf dem Sofa verbrachte – nur um feststellen zu dürfen, dass die neu entdeckte Leidenschaft dem neuen Bademantel gilt!  

Undankbares Tier!